GOBUGSGO – VEREIN ZUR BEFREIUNG DER NATUR –
SET NATURE FREE!
In einem Interview mit Thomas Redl, Herausgeber des Kunstmagazins fair, erklärt der Künstler Edgar Honetschläger, Gründer von GOBUGSGO:
„über Performances in Museen, Galerien etc. sowie Präsentationen im Internet gewinnen wir Mitglieder (Buggies). Individuelles Eigentum kann enteignet werden, etwa um eine Straße zu erweitern. Wenn Menschen jedoch gemeinsam ein Stück Land besitzen, wird es für die Politik schwierig, den Willen der beteiligten Wählerinnen und Wähler zu übergehen. Deshalb gilt: Je mehr wir werden, desto besser können wir schützen.
GOBUGSGO wirft eine ökonomische Frage auf: Was geschieht, wenn Land der menschlichen Produktivität entzogen wird? Und außerdem: Wie messen wir den Wert der Natur? Ist es nicht an der Zeit, die Hybris aufzugeben, wonach der Mensch die Krone der Schöpfung und der Künstler das Sahenhäubchen oben drauf? Wir müssen verstehen, dass nach den Prinzipien der DEEP ECOLOGY alle Lebensformen gleich wertvoll sind – der kleinste Wurm hat dasselbe Recht, auf dieser Welt zu sein, wie ein Mensch.
Unsere Grundstücke reichen von etwa 2.000 Quadratmetern bis zu 5 Hektar. Unsere Biologen, Entomologen, Ökologen und Forstwissenschaftler haben Kriterien für eine ideale Vegetation für Insekten entwickelt, die unsere Käufe leiten. Finanziert ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge, ohne öffentliche Fördergelder, erfolgt jede Arbeit für GOBUGSGO ehrenamtlich. Wir behalten keine Gelder für Verwaltungskosten ein.
Edgar schafft Anreize wie das „art n’ nature package“, das während GOBUGSGO-Performances in kulturellen Einrichtungen als Installation ausgestellt wird, um neue Buggies (Mitglieder) zu gewinnen. Menschen, die Buggies werden, erhalten einen Pappwürfel im Format 10x10x10cm – ein künstlerisches Multiple in Auflage bestehend aus einem Leporello der das projekt veranschaulicht, einer gedruckten grafik in auflage, einem hausgemachten konservierten Lebensmittel (z. B. Sugo) sowie einem Mitgliedszertifikat.
Der utopisch-künstlerische Aspekt von GOBUGSGO besteht darin, dass unsere Zonen für Menschen nicht mehr zugänglich sind – sie werden der menschlichen Nutzung entzogen. Das ist provokativ und nach geltendem Recht eigentlich unmöglich, da jeder Quadratmeter Land bestimmten Nutzungen zugewiesen ist und der juristische Begriff „NON-HUMAN ZONE“ nicht existiert. Doch mit Hilfe unserer Anwälte und Notare gelingt es uns trotzdem!
GOBUGSGO betreibt Politik, ohne eine politische Partei zu sein. Es greift in die Gesellschaft ein.
Die Moderne war ein tiefer Bruch in der Kunst – eine Zäsur, mit der wir noch immer ringen. Im 21. Jahrhundert brauchen wir einen vergleichbaren Sprung nach vorne, sonst braucht es uns als künstlerinnen nicht mehr. GOBUGSGO versucht genau das.
„Non-Human Zone“ bedeutet Nicht-Intervention. Normalerweise formt oder erschafft ein Künstler etwas – GOBUGSGO macht das Gegenteil: Der Künstler formt nichts. Das GOBUGSGO-Kollektiv (mittlerweile sind wir rund 1500 Buggies) schöpft aus unterschiedlichsten Lebenserfahrungen – nahezu jeder Beruf ist vertreten. Im besten Fall ist der Künstler, der das Projekt erfunden hat, eine Art Regisseur, ein Gefäß, das Ideen sammelt und Schlussfolgerungen zieht. Er ist vom GBG-Vorstand abhängig und kann keine Entscheidung allein treffen. Gemeinsam entscheiden wir über die nächsten Schritte. Demokratie, indem wir kollektiv den Kurs bestimmen – dazu gehören Sichtbarkeit und Ausstellungen innerhalb und außerhalb von Kunsträumen.
GOBUGSGO entmystifiziert die Vorstellung des Künstlers als Held. Es ist die Gemeinschaft, die handelt. die entstehende Kunst geht über Bewusstseinsbildung oder Kritik hinaus – sie wird greifbar. Sie dient weder dem Markt noch persönlichen Interessen, sondern manifestiert sich in etwas Immateriellem, etwas Unverkäuflichem. Sie manifestiert sich in einem Stück Natur, über das nicht spekuliert werden kann. Non-Human Zones gehören den Insekten und allen anderen nicht-menschlichen Wesen – Menschen bewahren lediglich ihre Integrität und schützen sie. GOBUGSGO versucht, das patriarchale Konzept des genialen Künstlers zu demontieren.
Im Geiste von Joseph Beuys könnte GOBUGSGO als soziale Skulptur bezeichnet werden. Im Sinne der Ready-mades von Marcel Duchamp erklärt der Künstler ein Stück Land zu einer lebenden Skulptur. Allein durch diese Erklärung sollte es bereits geschützt sein. Die Natur, ihrem Wesen nach anti-zivilisatorisch, wird zur Kultur und damit schützenswert. Alles, was Menschen erschaffen, versuchen sie zu bewahren; gleichzeitig zerstören sie genau jene Natur, die die Grundlage ihrer Existenz bildet. GOBUGSGO will die Dichotomie Natur und Kultur auflösen.
Deshalb genießen unsere Non-Human Zones doppelten Schutz – durch ihre definition als Kunstwerk und durch die Gemeinschaft. GOBUGSGO erweitert den Begriff der Demokratie. Warum sollte Demokratie nur den Menschen dienen? Sie sollte für alle Existenzen dieser Welt gelten. GOBUGSGO versucht, den Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln zu besiegen. Wir werden die Zerstörer der Natur auskaufen! Doch alles, was wir tun, dient der Gemeinschaft – der Gemeinschaft aller Lebewesen auf der Erde.
Und GOBUGSGO geht weit über die Tempel der Kunst hinaus. Es ist bewusst so gestaltet, dass es auch von Menschen verstanden wird, die keinen Bezug zur Kunst haben.
Bis 2025 hat GOBUGSGO acht Grundstücke in Österreich und Italien in Non-Human Zones verwandelt.
–
2018 schrieb die Kunsthistorikerin Fiona Liewehr aus Anlass der Erstpräsentation von GOBUGSGO in der Kunsthalle Wien: Edgar Honetschläger widmet sich in seinem neuen, international angelegten Projekt dem Versuch, kollektive Renaturalisierungsmaßnahmen in Gang zu setzen und somit Insekten ihren Lebensraum zurück zu geben…Eine transdiziplinären Initiative im Verbund mit Rechtsanwälten, Biologen, Landwirten und Real Estate Entwicklern. GOBUGSGO ist eine kollaborative Praxis die jeden Einzelnen von uns auffordert aktiv zu werden, um die Erde vor dem drohenden Kollaps zu bewahren… In seinem 800 m2 Gemüsearten nördlich von Rom, empfing Honetschläger nach jahrelanger Trockenheit eine gespenstische Stille. In den letzten 20 Jahren sind weltweit 80% der Insekten und als Folge 40% der Vogelpopulation verloren gegangen. Mangel an Regen, der Einsatz von Pestiziden und Lichtverschmutzung lassen die kleinen Tiere von der Erde verschwinden, somit natürliche Bestäubung von Blüten vermissen und den Ertrag von Gemüse und Früchten schrumpfen. Plötzlich erscheinen Schmetterlinge, Zikaden und Glühwürmchen wie Kreaturen aus der ferner Vergangenheit.
Grund genug für den Künstler anzuhalten und aus dem Erfahrungsschatz eines global denkender Vazierers lokal wie global aktiv zu werden. Im Austausch mit den italienischen Bauern begann er neue Anbaumethoden zu entwickeln und parallel zu seinem sich explosionsartig entwickelnden Garten gründete er eine Interessengemeinschaft zum Schutz der Insekten mit dem Titel GOBUGSGO. Was, wenn sich Millionen von Menschen, die sich rund um den Globus Sorgen um die Zukunft der Erde machen, zusammentun, ein Stück Land nach dem anderen kaufen und es der Natur zurückgeben? Orte an denen sich Pflanzen, Insekten, Vögel und andere Tiere ungehindert entwickeln können, Orte wo der Mensch nichts an/baut, nicht düngt, nicht eingreift, nicht zerstört. Non-Human Zones…
Edgar Honetschläger ist kein weltfremder Träumer oder gesellschaftlicher Systemaussteiger, vielmehr ein utopischer Realist, der aus seiner künstlerischen Praxis heraus eine konstruktive Utopie für die Zukunft unserer Umwelt und unsere Formen des sozialen Zusammenlebens entwickelt. Er gründete eine Non-Profit Organisation, setzte eine Website auf, vernetzte sich über soziale Medien mit Wirtschaft, Politik und Kunst. Daneben erntete er hunderte Kilos Tomaten, Zucchini und Melanzani, verkochte sie, füllte sie in Gläser und vergibt sie nun in der Kunsthalle, gemeinsam mit einem Print in Kartons verpackt an all jene „Buggies“, die bereit sind Teilhaber am GOBUGSGO! Movement zu werden. Indem gemeinsam Land erworben wird und in den kollektiven Besitz übergeht, soll sich gemeinsames Interesse an der Erhaltung unser aller Lebensgrundlage gegen das kurzsichtige Profitstreben des Einzelnen durchsetzen. GO BUGS GO!
